
Ein Bauwerk zwischen Geschichte, Glauben und Gegenwart
Hoch über der Altstadt von Bludenz thront die Laurentiuskirche mit ihrem markanten Zwiebelturm und bildet gemeinsam mit dem barocken Schloss Gayenhofen das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt. Wer auf Bludenz blickt, blickt fast automatisch auch auf dieses Ensemble – es ist Teil des kollektiven Gedächtnisses, ein Fixpunkt im Stadtbild und ein emotionaler Anker für viele Menschen in der Region.
Die Geschichte der Laurentiuskirch reicht bis ins 9. Jahrhundert zurück, als sie erstmals erwähnt wird. Im 10. Jahrhundert ging sie als Schenkung König Ottos I. an den Bischof von Chur, später wurde 1514 das heutige gotische Langhaus errichtet, im 17. Jahrhundert der Turm nach Plänen des Feldkircher Jesuitenpaters Maximilian von Lerchenfeld aufgesetzt und 1720 der Hochaltar aus schwarzem Marmor geschaffen. In dieser Verdichtung von Jahrhunderten spiegelt sich, wie tief Glauben, Politik und regionale Identität in diesem Bau zusammenfließen.
Heute steht die Laurentiuskirche jedoch im Zentrum einer Debatte, die weit über Bludenz hinausweist: Welche Zukunft haben sakrale Bauten in einer Zeit, in der sich religiöse Praxis verändert, Ressourcen knapper werden und die Anforderungen an Gebäude steigen? Wie viele Kirchen in Europa wird auch die Laurentiuskirche nicht mehr in der gleichen Intensität genutzt wie früher, gleichzeitig bleibt die emotionale, historische und stadtbildprägende Bedeutung ungebrochen.
Die Herausforderungen sind sehr konkret. Der Erhalt der historischen Bausubstanz, die laufenden Betriebs- und Energiekosten, Fragen der Sicherheit, Reinigung und Barrierefreiheit – all das muss finanziert und organisatorisch getragen werden. Hinzu kommt: Ein Gebäude dieser Größe und Geschichte lässt sich nicht „nebenbei“ betreuen, es braucht Engagement, Professionalität und verlässliche Strukturen.
Damit berührt die Debatte drei Ebenen zugleich: die liturgische, die kulturelle und die gesellschaftliche.
- Liturgisch stellt sich die Frage, wie viele Kirchen eine Pfarrgemeinde realistisch bespielen und mit Leben erfüllen kann.
- Kulturell geht es um den Umgang mit einem einzigartigen Zeugnis der Regionalgeschichte, dessen Turm und Geläut seit Jahrhunderten den Rhythmus der Stadt mitbestimmen.
- Gesellschaftlich geht es um die Rolle solcher Orte in einer Stadtgemeinschaft, die vielfältiger, säkularer und mobiler geworden ist – und in der dennoch das Bedürfnis nach Identität, Geschichte und gemeinsamen Orten stark bleibt.
Spannend ist, dass die Diskussion in Bludenz nicht nur als technische oder rein kircheninterne Frage geführt wird. Unter Titeln wie „Perspektiven für die St. Laurentiuskirche Bludenz“ wird bewusst der Dialog mit der Stadtgesellschaft gesucht. Gläubige, Engagierte, Kultur- und Tourismusakteur:innen sowie die Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, gemeinsam darüber nachzudenken, welche Nutzungen für die historische Laurentiuskirche denkbar und verantwortbar sind. Dabei steht nicht allein die Alternative „offen oder geschlossen“ im Vordergrund, sondern die Frage: Welche Formen von liturgischer, kultureller, sozialer oder auch touristischer Nutzung können diesem besonderen Raum gerecht werden?
Damit wird die Laurentiuskirche zu einem Labor für eine größere Entwicklung:
- Wie lässt sich der Charakter eines sakralen Raums bewahren und zugleich in neue Kontexte übersetzen?
- Welche Kooperationen – etwa mit Kulturveranstaltungen, Stadtführungen, Bildungseinrichtungen oder sozialen Initiativen – sind möglich, ohne den spirituellen Kern zu verlieren?
- Und wie können Ehrenamt, professionelle Strukturen und öffentliche Unterstützung so zusammenspielen, dass aus einem gefährdeten Monument wieder ein lebendiger Ort wird?











