Es gibt Orte, an denen Kultur nicht im gepolsterten Zuschauerraum beginnt, sondern draußen, mitten in der Landschaft, die die Geschichten selbst hervorgebracht hat. Das Silbertal im Montafon ist so ein Ort. Auf 20.000 Quadratmetern ist hier eine der größten Freilichtbühnen Europas entstanden – und mit ihr ein Kulturprojekt, das weit über eine gewöhnliche Theaterproduktion hinausgeht.

Die diesjährige Inszenierung „Die Lareina Schwestern“ führt zurück in die sagenhafte Alpenwelt rund um das Montafon. Monate an Recherche stecken hinter jedem Drehbuch: In verstaubten Büchern, alten Aufzeichnungen und Überlieferungen aus aller Herren Länder wurde nach jenen Geschichten gesucht, die Generationen von Talbewohnern geprägt haben. Was daraus entstanden ist, ist mehr als ein Abend am Theater – es ist ein Blick in die kollektive Erinnerung einer ganzen Region.

Eine Bühne, die alles kann

Wer die Freilichtbühne Silbertal betritt, spürt sofort die Dimension des Projekts. Über 60 Mitwirkende bringen mit Leidenschaft und schauspielerischem Können das Rad der Zeit zurück und lassen das Publikum in eine längst vergangene Welt eintauchen. Möglich wird das auch durch eine ausgeklügelte technische Ausstattung: eindrucksvolle Lichtszenen setzen die Handlung in Szene, und eine eigens auf die riesige Freilichtbühne abgestimmte Tonanlage sorgt dafür, dass jedes Wort – ganz gleich, wo sich die SchauspielerInnen gerade befinden – auf jedem einzelnen Sitzplatz klar und deutlich zu verstehen ist.

Mehr als Theater: gelebtes kulturelles Engagement

Was mich an den Sagenfestspielen besonders beeindruckt, ist nicht nur das Ergebnis auf der Bühne, sondern das, was dahintersteht. Hier zieht nicht ein professionelles Ensemble von außen ein – hier steht ein ganzes Dorf auf den Beinen. Menschen aus allen Generationen und den unterschiedlichsten Lebensbereichen arbeiten monatelang zusammen: auf und hinter der Bühne, bei Kostümen und Technik, in der Organisation und bei der Betreuung der Gäste.

„Genau darin liegt für mich der eigentliche Wert dieses Projekts. Es entsteht ein Zusammenhalt, der weit über die Aufführungstermine hinaus wirkt. Nachbarschaften wachsen zusammen, Generationen kommen ins Gespräch, und ein gemeinsames Ziel schweißt eine Dorfgemeinschaft zusammen, wie es nur wenige andere Projekte schaffen.“ (CT)

Und noch etwas ist bemerkenswert: Für viele der über 60 Mitwirkenden ist die Bühne ein Ort der Persönlichkeitsbildung. Wer einmal vor Publikum gestanden ist, wer Text, Rolle und Bewegung im Zusammenspiel mit anderen erarbeitet hat, wächst daran – im Selbstvertrauen, im Auftreten, im Umgang mit Herausforderungen. Gerade jüngere Mitwirkende nehmen aus dieser Erfahrung etwas mit, das sich in keinem Klassenzimmer und in keinem Lehrbuch vermitteln lässt.

„Als jemand, der sich beruflich viel mit Marken- und Kulturarbeit beschäftigt, sehe ich in Projekten wie den Montafoner Sagenfestspielen ein Paradebeispiel dafür, wie regionale Identität lebendig gehalten wird. Es geht nicht um Folklore im musealen Sinn, sondern um eine Erzählung, die eine Region über sich selbst weitergibt – authentisch, mit hohem künstlerischem Anspruch und mit einer Strahlkraft, die weit über das Silbertal und das Montafon hinausreicht.“ (CT)

Solche Initiativen verdienen Sichtbarkeit und Unterstützung – nicht nur, weil sie Sagen und Geschichten bewahren, sondern weil sie zeigen, was gelebter Zusammenhalt und ehrenamtliches Engagement in einer Talschaft bewirken können.

Wer die Freilichtbühne Silbertal und „Die Lareina Schwestern“ selbst erleben möchte, findet Termine und weitere Informationen auf der Website der Montafoner Sagenfestspiele.

Christoph Thoma Blog

Unterwegs halte ich besondere Momente in Bildern und Geschichten fest. In meinem Blog finden sich Reportagen, Fotos und Eindrücke meiner politischen Arbeit und Schwerpunkte.